Dachterrasse ohne Aussicht

Schutz vor Bomben, Strahlen und Chemie: der Hochbunker am Luisenring

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Der Bunker passt nicht recht ins Bild. Trotz seiner Höhe von gut 30 Metern wirkt der Schutzraum kümmerlich, steht er doch neben dem Hochhaus der MVV zwischen Neckarufer und Luisenring. Und auch die Architektur des hohen Betonquaders wirkt neben den Bauten aus Stahl und Glas schwerfällig und klobig
Über 50 Bunker wurden zwischen 1940 und 1943 in Mannheim gebaut. Die Stadt war nach Bombenangriffen der Engländer im Oktober 1940 in das „Reichsluftschutzprogramm“ aufgenommen worden. Das Städtische Hochbauamt errichtete im Rahmen dieses Programms 22 Hoch- und 30 Tiefbunker im gesamten Stadtgebiet. Die Hochbunker dienten als Schutzraum für die Bevölkerung und als Standort für Flakgeschütze der deutschen Flugzeugabwehr. In der Mannheimer Innenstadt wurden nur Tiefbunker gebaut, wie beispielsweise unter dem Hauptbahnhof, dem Paradeplatz und dem Schloss, um das Stadtbild nicht zu stören. „Herausragende“ Ausnahme: der Hochbunker am Luisenring.

Die Abschlusstore aus Gitterblech und die armdicken Stahltüren der Luftschleusen am Eingang schließen sich, wenn die 1303 Menschen, für die der Bunker ausgelegt ist, ihre Plätze in den auf sieben Geschossen verteilten Räumen aufsuchen. Im Inneren des Schutzraums wird klar, dass es hier nur um eins ging: im „Fall des Falles“ zu überleben. Die Wände sind kahl und die Räume ohne jegliche Ausstattung. Toiletten und Duschen sind nur wenige vorhanden. Eine Heizung gibt es nicht, Lebensmittel-Vorräte sind nicht angelegt. Menschen sollten und sollen hier nur kurzfristig Schutz finden; die Bunker-Planer hatten eine Aufenthaltszeit von zehn Stunden angenommen. Wenn der Strom ausfällt und die Neonröhren im Inneren des Betonklotzes nicht mehr flackern, zeichnen noch heute die aufgemalten Phosphor-Streifen in hellem grünlichen Weiß gespenstisch die Silhouetten von Wänden und Türen nach und helfen bei der Orientierung im Labyrinth der Gänge und Treppenhäuser.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Mannheimer ihre Bunker weiter: Obdachlose und Ausgebombte fanden hinter meterdickem Beton ein Dach über dem Kopf. Bis in die 70er Jahre diente der Hochbunker am Luisenring Stadtwerken und Tiefbauamt als Lagerraum. Dann wurde deutschlandweit die Infrastruktur des Zivilschutzes verbessert. Die Weltkriegsbunker kamen zu neuen Ehren, wurden renoviert und für den Katastrophenfall hergerichtet.

Als Szenario für den Ernstfall wurde nicht nur ein Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen angenommen, sondern auch eine nicht-kriegsbedingte Belastung der Atemluft mit Chemikalien, verursacht zum Beispiel durch einen Chemie-Unfall. Schließen sich die Türen des Bunkers, beginnt eine Lüftungsanlage im Keller mit dem Aufbau von Überdruck im Innenraum. So wird verhindert, dass verseuchte Luft eindringen kann. Damit die Luft für die Insassen mit der Zeit nicht zu dünn wird, säubern mehrstufige Filter die Außenluft von schädlichen Bestandteilen.

Wasserspeier statt Regenrinne

Alle Hochbunker, die während der Zeit des Dritten Reichs in Mannheim entstanden sind, wurden nach dem gleichen Prinzip errichtet und weisen einen ähnlichen Grundriss auf. Bis zu sieben Geschoss-Ebenen mit sich wiederholender Raumaufteilung wurden in die Höhe gezogen. Der Bunker am Luisenring bildete auch hier die Aufnahme: Halbkreisförmige Aussparungen statt einfacher Lüftungslöcher, augenfällige Wasserspeier statt normaler Regenrinnen, eine „Dachterrasse“ mit hoher Brüstung statt Standard-Flachdach. Offensichtlich wurde dem repräsentativen Standort in Innenstadt-Nähe durch eine anspruchsvollere Außengestaltung gehuldigt, als sie die Bunker in Neckarau, Feudenheim und in der Neckarstadt aufweisen.
Kaum jemand macht sich heutzutage Gedanken um einen Dritten Weltkrieg oder denkt an einen schweren Chemie-Unfall. Die Mitarbeiter des Katastrophenschutz statten dem Riesen aus Stahlbeton trotzdem gelegentlich einen Besuch ab. Und sie hoffen, dass der Ernstfall immer ein Gedankenspiel bleiben wird.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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