Dank eines stumpfen Turms war Mannheim spitze

Die ehemalige Sternwarte zwischen Jesuitenkirche und Uni-Bauten – Genialer Hof-Astronom holte einst die Sterne vom Himmel

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Der Turm wirkt verloren zwischen der barocken Jesuitenkirche und modernen Uni-Plattenbauten. Was war die Funktion des turmförmigen Gebäudes in den Mannheimer A-Quadraten? Wurde es seiner Spitze beraubt? Der „stumpfe Turm“ ist die ehemalige Sternwarte des Kurfürsten Karl-Theodor. „Zehn Jahre lang war Mannheim spitze“, erklärt Kai Budde vom Landesmuseum für Technik und Arbeit (LTA) zum damaligen Kurpfälzer Know-How in Sachen Astronomie.

Ende des 18. Jahrhunderts residierte der Kurfürst noch im Schloss Mannheim. Er war naturwissenschaftlich interessiert und hatte sich in den Kopf gesetzt, mit den angesehenen Sternwarten in Paris, London und St. Petersburg gleichzuziehen. Der Monarch holte sich den Jesuitenpater Christian Mayer an seinen Hof. Mayer hatte Mathematik studiert und galt als herausragender Wissenschaftler. Im Schwetzinger Schlossgarten baute er zunächst einige Beobachtungs-Instrumente auf. Ein Aufenthalt in St. Petersburg 1769 führte dem Hofastronomen die Notwendigkeit einer größeren Sternwarte vor Augen. Am 1. Oktober 1772 legte der Präsident der Mannheimer Akademie der Wissenschaften, Baron von Hohenhausen, den Grundstein des neuen Observatoriums. Knapp zweieinhalb Jahre später, am 3. Januar 1775, folgte die feierliche Eröffnung des 33 Meter hohen fünfstöckigen Turmbaus, der sich mit seinen vier breiten Seiten genau an den vier Himmelsrichtungen orientiert.

Wie viele andere Gebäude aus diesen Tagen wurde auch die Sternwarte, die am Übergang von Barock zu Klassizismus steht, aufwändig dekoriert. Gerade und bogenförmige Stürze schmücken die Fenster. Die Geländer der Balkone in den Obergeschossen tragen klassizistische Ornamente und Monogramme des Kurfürsten. Das Erdgeschoss diente als Eingangshalle. Im zweiten Stockwerk wohnte damals Hofastronom Mayer. Auf der obersten Plattform stand eine Kuppel mit Teleskop. Im zweiten und vierten Stockwerk gab es weitere Beobachtungssäle. Beim gesamten Bau hatte der Architekt, Ingenieurleutnant Johann C. Lacher, Wert auf ein solides Fundament und stabile Mauern des achteckigen Gebäudes gelegt. Durch eine mittlere Mauerstärke von 2,25 Metern stellte er sicher, dass Erschütterungen und Klimaschwankungen die empfindlichen Gerätschaften nicht aus der Fassung brachten.

Mit astronomischen Apparaten aus Paris und London bestückte der Kurfürst seine neue Sternwarte. Der Instrumentenpark wuchs rasch heran und umfasste unter anderem Mauerquadranten, Zenitsektoren, Fernrohre sowie zwei Pendeluhren. Die Wissenschaftler der Sternwarte wollten damit mehr über die Figur der Erde erfahren: Ist der Planet eine vollkommene Kugel? Welche Dimensionen hat er? Mayers Spezialgebiete waren, so Budde, Fixstern-Trabanten und Doppelsterne. Der höfische Sternengucker begab sich in seiner Mannheimer Zeit an die Entwicklung eines Sternenalmanachs und die Erstellung von Fixsternkatalogen.

Doch auch für überaus weltliche Dinge musste die Sternwarte herhalten: Das Gebäude bildete den Koordinatenursprung der Triangulierung, mit der alle Ländereien im Großherzogtum Baden vermessen wurden. Über die Landschaft wurde dabei ein gedachtes Netz von Dreiecken gelegt. Mit Hilfe von Sinus-, Kosinus- und Tangenssätzen bestimmte Mayer aus den gemessenen Winkeln und einer bekannten Seitenlänge die fehlenden Teilstücke, die wiederum zum Ausgangspunkt weiterer Messungen wurden. Das „vermessene“ Dreiecksnetz über die Pfalz, die „Basis Palatina“, wurde später bis in die Vogesen, nach Wien und Basel erweitert.

Überbleibsel der astronomischen Tätigkeiten finden sich noch heute im Schlossgarten und in der Neckarstadt. Dort wurden feste Punkte auf der Nord-Süd-Achse zum Einstellen der Fernrohre errichtet. Die Neckarstädter Pyramidenstraße wurde nach dem Markierungs-Obelisken benannt, der befindet sich heute auf einem Firmengelände. Einige Instrumente zur Sternenschau und Landvermessung, die einst im „stumpfen Turm“ standen, beherbergt das LTA. Heute wohnen bildende Künstler in dem geschichtsträchtigen Bau an der Bismarckstraße. Das Gebäude gehört zu den Liegenschaften der Stadt Mannheim.

Als der Hof-Astronom und sein adeliger Arbeitgeber vor 300 Jahren auf dem Beobachtungs-Plateau der Mannheimer Sternwarte standen, sollen sie bei gutem Wetter bis nach Landau und Speyer haben blicken können. Die Stadt mit Weitblick schaffte es für kurze Zeit, mit den weltweit führenden Sternwarten in einem Atemzug genannt zu werden.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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