Im Einfamilienhaus den rechten Winkel ausgekugelt

Eine Idee aus Amerika, zwei Architekten mit Visionen und drei Häuser, die es in sich haben: Die Kuppelhäuser in Neckarau

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Nur wer genau hinsieht, findet sie. Sie sind weder überhebliche Prachtbauten noch nüchterne betongraue Wohnanlagen. Die Kuppelhäuser im Mannheimer Stadtteil Neckarau sind erst auf den zweiten Blick wahrzunehmen. Häuser, die wegen ihrer gewölbten Dächer aus der Reihe fallen, gedeckt mit Holzschindeln, umgeben von vielen alten Obstbäumen. Am Horizont stechen als markanter Kontrast die rauchenden Schornsteine des Grosskraftwerks aus dieser Beschaulichkeit hervor.

Als die Häuser Anfang der 1990er-Jahre entstanden, war von Beschaulichkeit keine Spur: Das Genehmigungsverfahren für die drei Einfamilienhäuser zog sich über zweieinhalb Jahre hin. Zu ausgefallen für deutsche Vorstellungen vom Wohnungsbau – also musste das Mannheimer Architektenpaar Klaus-Peter Mütsch und Annemarie Mütsch-Engel bei Ämtern und Beamten Überzeugungsarbeit leisten. Eine Lücke im Bebauungsplan, der verbindlich unter anderem die Art und Höhe der Bebauung sowie die Dachform regelt, verhalf dem „Traum des Architekten“ schließlich zur Verwirklichung.

Die markante Bauweise geht auf den amerikanischen Architekten und Ingenieur Buckminster Fuller zurück. Er entwickelte in den 50er Jahren das Konzept der „Dome Homes“, die durch ihre Kuppelform das beste Verhältnis zwischen Rauminhalt und Außenwand aufweisen. In den Vereinigten Staaten bieten gleich mehrere Firmen Domes-Bausätze an; das Angebot dort reicht von der Garage bis zur Kirche.

Die Häuser, die auf kreisrunden Bodenplatten errichtet werden, sind Bauwerke ohne rechte Winkel. Die Neckarauer Kuppelhäuser bieten auf zwei Geschossen Wohnflächen zwischen 185 und 215 Quadratmetern und Wohnräume, die mit einer Höhe von bis zu acht Metern ein außergewöhnliches Raumerlebnis vermitteln. Während des gesamten Bauprozesses haben die Architekten auf die „inneren Werte“ ihrer Häuser geachtet: Ökologische Bauweise, geringe Kosten und besseres Lebensgefühl durch „neues Wohnen“ sind die Philosophie, die Planung und Bau geprägt haben. Das Bauholz ist unbehandelt, die Wärmedämmung besteht aus Zeitungsschnipseln, im Innenausbau fanden natürliche Materialien wie Holz, Kork, Gips und Recycling-Papier Verwendung.

Durch ein ausgeklügeltes Dämm-System sind die Kuppelhäuser auch vom Energieverbrauch her eine runde Sache: Die Domes haushalteten bereits 1990 mit Energie besser, als es die damalige gültige Wärmeschutzverordnung forderte. Und obwohl die Kuppelhäuser in vielen Bereichen aus der Reihe fallen, kostete ihre Errichtung nur unwesentlich mehr als der Bau von konventionellen Wohnhäusern, die mit Satteldach, vielen Ecken und Rauputz aufwarten.

Die Medien standen schon während des Baus Schlange, wollten Interviews mit den Architekten und den Kugel-Bewohnern. Und für unzählige Menschen waren die Kuppelhäuser lange Zeit Objekt der Neugierde: regelrechte Pilgerscharen kamen, sahen – und staunten. Diese Neugierde trieb seltsame Blüten. Dann und wann verschafften sich die Kuppel-Fans nachts durch Öffnen des Bauzauns Zugang zu dem Gelände in Neckarau. Und heute fährt gelegentlich ein Reisebus vor, dessen Insassen eifrig Fotos machen und Bauklötze über die „runden Dinger“ staunen.

Auch die Handwerker, die an der Errichtung der Domes mitarbeiteten, betraten damit Neuland. Mit Hilfe von Aufbauanleitungen entstanden aus unzähligen Einzelteilen, die per Container aus Kalifornien angeliefert worden waren, innerhalb von zwei Jahren drei Häuser für drei Familien. Manchmal wurde tief in die Trickkiste gegriffen und längst vergessenem Bau-Know-How zu neuen Ehren verholfen: Die Schindeln aus Zedernholz, mit denen die Kuppeldächer gedeckt sind, ließen sich nicht ohne weiteres festnageln, da die im Holz enthaltenen ätherischen Öle die Nägel innerhalb kurzer Zeit zerfressen hätten. Ausweg aus dem Befestigungs-Problem: Edelstahl-Stifte, denen die aggressive Dachbedeckung, die mit ihrem Geruch Ungeziefer fern hält, nichts anhaben kann. Die Schindeln selbst wurden von Hand gefertigt; eine Herstellung, die im Vergleich zur maschineller Spaltung zwar teurer ist, aber die Holzfasern nicht beschädigt. Dadurch sind die Holzplättchen auch ohne Anstrich wesentlich länger haltbar, Architekt Mütsch sagt den Kuppel-Dächern eine Lebensdauer von 130 Jahren voraus.

Ob die drei Häuser innerhalb dieser Zeit irgendwo in Deutschland nachgebaut werden, ist fraglich. Zahlreiche Familien haben bei den Architekten Interesse an den eigenen „vier Wänden“ mit Kuppeldach bekundet, einem Ortsvorsteher schwebte sogar eine ganze Kuppelhaus-Siedlung in seiner Gemeinde vor. Doch die Domes passen deutschlandweit in keinen Bebauungsplan; experimentelles Bauen haben die Bürokraten nirgendwo vorgesehen. Wegen solcher bürokratischen Hürden werden die Mannheimer Kuppelhäuser lange Zeit das bleiben, was sie derzeit sind: Einmalig in Europa.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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