„Turnerburg“ erlebte bewegte Zeiten

Ein geschenktes Grundstück, ein eigenartiger Baustil: das Vereinshaus des TSV Mannheim 1846

Architektonische Raritäten
Viele eindrucksvolle Gebäude sieht man im Vorbeigehen oder -fahren immer wieder, sie fallen einem ins Auge – um was es sich aber handelt, ist unklar. In einer Serie stellte ich für die Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ solch prägnante Gebäude in Mannheim vor.

Es war vor knapp hundert Jahren, 1903, als der „Turnverein Mannheim von 1846“ sein neugebautes Vereinshaus einweihte. Die Stadt hatte den Turnern einen Bauplatz in der Oststadt geschenkt, nachdem eine bereits bestehende Halle der „östlichen Stadterweiterung“ zum Opfer gefallen war. Das von der Stadt zur Verfügung gestellte Baugelände schien auf dem ersten Blick für die Bebauung mit einer Sporthalle ungeeignet. Charlotten- und Prinz-Wilhelm-Straße (heute Stresemann- und Rathenaustraße) begrenzten das Grundstück dreieckförmig. Der Architekt August Langheinrich wurde beauftragt, den Bau der Halle an dem neuen Standort zu planen.

Langheinrich löste diese Aufgabe, in dem er die Winkelhalbierende des Dreiecks zur Gebäude-Hauptachse machte. 20 mal 30 Meter groß war sein Entwurf. Der Haupteingang befand sich am Charlottenplatz. Über einen Vorbau gelangten die Turner in das Innere des Gebäudes, das Umkleideräume, Vereins- und Sitzungszimmer, einen Gymnastikraum, Wohnräume sowie einen Schießstand und zwei Kegelbahnen beherbergte.

Der damalige Vorsitzende des Vereins, Wilhelm Rub, betonte in seiner Rede anlässlich der Einweihung den „eigenartigen Baustil, der den Charakter und die Bestimmung des Gebäudes wenig erkennen lässt“. Die tief nach unten gezogenen Dächer mit geschwungenen Giebeln und Erkern sowie Holzfachwerk-Wände mit Balkonen und Holzloggien deuteten in der Tat kaum auf eine Turnhalle hin. Das machte Furore: Die „Turnerburg“ wurde 1908 während des Deutschen Turnfests in Frankfurt von zahlreichen Turnern aus dem In- und Ausland bei einem Abstecher nach Mannheim besucht.

Nicht nur Sport wurde in der Turnhalle getrieben: Bis 1997 fand hier der legendäre „Weiße Ball“ statt. „Das gesellschaftliche Ereignis des Jahres“ titelt die Vereinschronik über den jährlichen Tanzabend im Herbst, bei dem die Damen „ganz in Weiß“ erscheinen mussten. Das Vereinshaus war auch mehrfach Austragungsort von Leichtathletik-Meisterschaften. Mit 12,5 Metern Höhe war sie für Hoch- und Stabhochsprung hoch genug; im sogenannten „Lohboden“ stritten Weitspringer und Kugelstoßer um den Sieg. Dieser „Lohboden“ befand sich an der Stirnseite der Halle in einem Anbau. Die Sohle war 35 Zentimeter tiefer als der übrige Hallenboden. In diese Vertiefung wurde ein Gemisch aus Sägemehl, Sand, Salz und Gerbereiabfällen (Lohe) gefüllt. Dieses Seitenhaus konnte, mit einer mobilen Bühne ausgestattet, als Podium genutzt werden.

Das Dritte Reich forderte auch von den Turnern ihren Tribut. Die Gleichschaltung machte auch vor dem Sport keinen Halt: „Nicht-Arier“ wurden aus dem Verein ausgeschlossen. Viele Turnkameraden ließen an der Front ihr Leben. Am 3. September 1944 wurde die Turnhalle im Bombenhagel schwer beschädigt. Ein Volltreffer hatte die Stirnseite der Halle weggerissen. Insgesamt sechs Bombeneinschläge legten einen großen Teil des Gebäudes in Schutt und Asche. Etwa 80 Prozent der „Turnerburg“ wurden zerstört. Auf der Generalversammlung des Turnvereins gab der Vorstand 1946 bekannt: „Neben ca. 30000 Dachziegeln werden Kalk, Gips, Zement, Sand, Holz, Dachpappe, Glas, Backsteine, Schlacken dringend benötigt, um den totalen Zerfall zu vermeiden.“

Die Turner zeigten nach Kriegsende viel Engagement, als es darum ging, den Mittelpunkt des Vereins zu retten: 1947 produzierten sie in Eigenarbeit 30000 Zementziegel, die gegen hochwertige Dachziegel eingetauscht wurden. Mit ihnen wurde das Dach neu gedeckt; dem fortschreitenden Verfall war Einhalt geboten worden. Noch heute finden sich über der neuen Hallendecke Reste eines vergipsten Stahlgeflechts – Überbleibsel der kuppelartigen Decke, die die Halle schmückte. Wer genau hinsieht, findet unter dem Dach noch Teile der Gaslampen, die vor über sechzig Jahren für die Beleuchtung sorgten. Der schnelle, aber notdürftige Wiederaufbau nach dem Krieg machte den regulären Vereinsbetrieb wieder möglich. Doch bei den „uneigennützigen und mühsamen Aufräumungsarbeiten“, so die Chronik, wurde viel wertvolle alte Bausubstanz für immer vernichtet.

Das Gebäude des Turnvereins hat im Laufe der Zeit einige Zweckentfremdungen erfahren. Während des Ersten Weltkriegs diente die große Turnhalle als Lagerraum für das Rote Kreuz. 1915 wurden von den Vereinsmitgliedern Weihnachtspäckchen für Frontsoldaten gepackt; gelagert wurden sie in der großen Halle. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Kegelbahnen im Untergeschoss als Unterkunft für zahlreiche Obdachlose.

In der Nachkriegszeit veränderten Um- und Anbauten mehrmals das Aussehen der Turnhalle: Der Eingangsbereich, der „kleine Turnsaal“ und das Treppenhaus wurden 1969 von Grund auf renoviert, ein Fechtsaal entstand. 1970 wurde die Turnhalle der benachbarten Tulla-Schule mittels großer Tore mit der Vereinshalle verbunden. Die Kegelbahnen und die Schießanlage haben Anfang der 1990er einem Fitnessraum Platz gemacht. Der Vorstand hat weitere Pläne, um das Haus mit bewegter Geschichte in Schuss zu halten: Das über der großen Halle gelegene, bislang ungenutzte Dachgeschoss soll ausgebaut und mit weiteren Übungsräumen ausgestattet werden.


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Niko Wald

inothernews.de ist der private und nicht-dienstliche Blog von Niko Wald - Journalist, Webmaster, Projektmanager, Redakteur und Onliner.


Politikwissenschaftler und Volkswirt, langjährige Arbeit als freier Journalist bei Tageszeitungen und Online-Redaktionen, ausgebildeter Tageszeitungs-Redakteur, Arbeit als Redakteur in einer aktuellen Printredaktion und als Online-Redakteur für die Öffentlichkeits- und Pressearbeit der internationalen NGOs Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe. Seit 1999 begeistert von Botswana (Afrika).


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